Als Video:
In meinem letzten Beitrag habe ich aufgezeigt, warum wir damit beginnen sollten, das in agilen Ansätzen destillierte Wissen und Gedankengut auf BPM-Projekte zu übertragen, um sie damit erfolgreicher zu machen.
Und jetzt wollen Sie sicher wissen: Wie adaptiert man nun die agile Welt auf die BPM-Welt?
Lassen Sie uns hierfür zunächst schauen, was genau wohin genau adaptiert wird.

Der erste Schritt zu agilem BPM lautet: Welche Arten von BPM-Projekten sollten wir unterscheiden, damit klar wird, worauf wir die Abbildung von Agilität abzielen?
- Reden wir über große SOA-Projekte? Oder über eher kleinere Workflowautomatisierungen?
- Reden wir überhaupt über IT-Projekte oder über Organisationsprojekte, z. B. über die Optimierung rein organisatorischer Abläufe?
- Oder geht es vielleicht darum, ganz im Sinne des Business Process Reengineering völlig neue Prozesse für neue Produkte oder Märkte zu erschaffen?
Sie sehen schon: bei BPM-Projekten gibt es zwei relevante Unterscheidungsmerkmale
- der Automatisierungsgrad und
- das Veränderungsausmaß
Beide Merkmale stehen orthogonal zueinander und spannen auf diese Weise vier Kategorien von BPM-Projekten auf:

Vereinfachend unterscheiden wir demnach
- Organisationsprojekte mit hohem und
- mit geringem Veränderungsausmaß sowie
- IT-Projekte mit hohem und
- mit geringem Veränderungsausmaß
Diese Unterscheidung auf der Seite der BPM-Welt ist deswegen hilfreich, weil sich (wie Sie gleich sehen werden) je nach Projektkategorie andere Fragen stellen.
Auf der anderen Seite ist spannend „was genau aus der agilen Welt wollen wir eigentlich nutzbar machen?“

- Einzelne in agilen Projekten typische Praktiken, z. B. Timeboxing, Continuous Integration oder Test first?
- Oder komplette Agile Prozesse, z.B. SCRUM, APM oder XP?
- Oder wollen wir agile Prinzipien auf die BPM-Welt übertragen, also Leitlinien, die agile Überzeugungen wirksam machen, z. B. inkrementelle Entwicklung?
- Oder geht es uns gar um Werte und Geisteshaltungen, z. B. die Lean-Philosophie?

Sie sehen: eine Frage wie „Kann man SCRUM für BPM einsetzen?“ ist zu billig. Die Antwort kann nur lauten: „…kommt drauf an!“

So stellt sich für reinrassige IT-Projekte mit geringem Veränderungsausmaß, z. B. bei der viel zitierten Automatisierung der Rechnungsstellung (=B4), gar nicht die Frage, ob man dort eine bestimmtes agiles Vorgehen nutzen will, sondern allenfalls welches Vorgehen (=A2) und wie.
Wenn es aber am Ende gar darum geht, eine gesamte Organisation an stetige Veränderung zu gewöhnen (=B1), dann denken wir in Richtung Lean und Beteiligung von Mitarbeitern (=A4).
Jetzt haben wir geklärt, was genau wir worauf abbilden können. Und daraus lassen sich jetzt konkrete, spannende Fragen ableiten. Zum Beispiel:
- Wie sinnvoll ist Timeboxing (=A1) für reine Organisationsprojekte mit hohem Veränderungsausmaß (=B1)? Macht dort ein Customer on Site Sinn?
- Ist ein formaler BPMN-Workflow in IT-Projekten mit geringem Veränderungsanteil (=B4) nicht bloß eine andere Form einer Programmiersprache?
- Wenn man eine gesamte Organisation lean machen möchte (=A4), ist Prozessmodellierung dann nicht eher hinderlich (=B1)?
- SOA-Projekten betreffen wegen ihrer übergreifenden Natur oft mehrere Teams (=B2). Was können SOA-Projekte bzgl. der Steuerung mehrerer Teams von SCRUM (=A2) lernen?
- Wie kann man Story Maps (=A1) für die Optimierung rein organisatorischer Abläufe nutzen (=B3)?
Welche Frage ist es für Sie?
Die Botschaft lautet also: Klären Sie für sich bzw. ihr Vorhaben genau, welche Fragen Sie konkret beantwortet haben wollen.
Auf diese und einige andere Fragen möchte ich in folgenden Beiträgen eingehen.
Christian Weiss