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Entscheiden im Konsens Teil 4 – Soziokratische Wahl

Jain

Im ersten Blog-Eintrag dieser Serie habe ich erklärt, was ich mit Konsens meine und kurz begründet, warum diese Art zu entscheiden für selbstorganisierte Teams (wie z.B. Scrum-Teams) wichtig ist.

Der zweite und dritte Blog-Eintrag stellt einfache Verfahren vor, wie Konsens abgefragt werden kann: die Veto-Abfrage, die Konsensrunde, Thumb-Voting und Fist-to-Five.

Dieser Artikel beschreibt ein Verfahren, mit dem man für eine Aufgabe einen Verantwortlichen finden kann – ebenfalls natürlich im Konsens. Bei einfachen Aufgaben (“Wer schreibt diesen Test?”) eignet sich auch eines der bereits vorgestellten Verfahren – bei gewichtigeren oder längerfristig übertragenen Aufgaben (“Wer übernimmt die Rolle des Scrum Master in den nächsten 4 Monaten?”) kann man jedoch dieses Verfahren nutzen, dass das Team einlädt, eine sehr überlegte und gut begründete Entscheidung zu treffen.

Dieses konsensorientierte Wahlverfahren nennt sich soziokratische Wahl – es ist ein Element im Werkzeugkasten der Soziokratie (genauer gesagt, aus der Soziokratischen Kreisorganisationsmethode, die von Gerard Endenburg entwickelt wurde).

Nach meinen Erfahrungen hat dieses Verfahren vor allem zwei Stärken:

  • In den allermeisten Fällen ist die im Konsens gewählte Person sehr motiviert und geht begeistert an die Aufgabe heran.
  • Das Commitment für die übernommene Aufgabe ist sehr hoch – wenn eine Person gefunden wurde, die die Aufgabe übernimmt, dann bin ich sehr sicher, dass sie auch erledigt wird. Gleichzeitig wird sehr deutlich, dass eine Aufgabe nicht übernommen wird, so dass ich mir dann als Führungskraft oder als Team Gedanken machen kann, wie wir mit der Aufgabe anders umgehen.

Den Ablauf im Detail habe ich bereits auf mehreren Konferenzen vorgestellt. Hier findet man daher meinen Vortrag von den XP-Days 2010 (als Prezi-Präsentation).

Teilnehmer an den Konferenzen und aus meinen Seminaren haben über Ihre Erfahrungen berichtet, hier und hier.

Sprechen Sie mich an, wenn Sie die soziokratische Wahl einmal erleben möchte – in diesem Fall kann eine Beschreibung des Ablaufes die Erfahrung Teil einer Wahl gewesen zu sein kaum ersetzen.

Wo sehen Sie Einsatzmöglichkeiten in Ihrem Umfeld für die soziokratische Wahl? Oder haben Sie bereits Erfahrungen damit?

Entscheiden im Konsens Teil 3 – Thumb Voting und Fist-to-Five

Jain

Im ersten Blog-Eintrag dieser Serie habe ich erklärt, was ich mit Konsens meine und kurz begründet, warum diese Art zu entscheiden für selbstorganisierte Teams (wie z.B. Scrum-Teams) wichtig ist.

Der zweite Blog-Eintrag stellt einfache Verfahren vor, wie Konsens abgefragt werden kann: die Veto-Abfrage und die Konsensrunde.

In diesem Blog-Eintrag möchte ich die Liste der sehr einfachen Verfahren weiter ergänzen und zwar um Verfahren, die simultan und mit visuellem Feedback arbeiten.

Zuerst also das

Thumb-Voting

Nach dem Vorstellen des Vorschlages und dem Aufruf des Moderators für ein Thumb-Voting streckt jedes Teammitglied seine Hand in die Luft. Dabei bedeutet:

Daumen nach oben Daumen nach oben – Ich stehe voll und ganz hinter dem Vorschlag.
Thumb side Daumen zur Seite – Der Vorschlag ist nicht meine Präferenz, aber er ist in meinem O.K.-Bereich. Ich bin bereit, den Vorschlag mitzutragen.
Thumb down Daumen nach unten – Ich habe ein Veto. Ich trage den Vorschlag nicht mit.

Sofern niemand einen Daumen nach unten zeigt, ist der Vorschlag angenommen. Wichtig dabei ist, dass für alle gut sichtbar abgestimmt wird und jeder Zeit hat, das Abstimmungsergebnis der anderen zu sehen.

Das 2. Verfahren “Fist-to-Five Voting” ist im Grunde genommen nur eine detailliertere Form des Thumb-Votings.

Fist-to-Five Voting

Fist-to-Five Voting

Fist-to-Five Voting

Nach dem Aufruf zum Fist-to-Five-Voting strecken die Teammitglieder entweder die geschlossene Faust oder ein bis fünf ausgestreckte Finger in die Luft. Die Bedeutung dabei ist:

  • Faust – Starkes Veto: An diesem Vorschlag ist noch viel zu ändern, damit ich mitgehen kann
  • 1 Finger – Ich habe noch größere Punkte zu diskutieren und an dem Vorschlag zu ändern
  • 2 Finger – Ich habe noch Kleinigkeiten, die ich an dem Vorschlag ändern möchte
  • 3 Finger – Ich bin nicht begeistert, aber kann mit dem Vorschlag leben, so dass wir zum nächsten Punkt kommen können.
  • 4 Finger – Ein guter Vorschlag und ich bringe mich ein, ihn umzusetzen.
  • 5 Finger – Eine hervorragender Vorschlag und ich werde ihn mit aller Kraft umsetzen.

Ein Entscheidung ist gefallen, wenn niemand 2 Finger oder weniger zeigt, d.h. 2 Finger oder weniger gelten wie der Daumen nach unten beim Thumb-Voting.

Bei beiden Verfahren ist es wichtig, vorher klar zu stellen:

  • über was entschieden wird (am besten den Vorschlag visualisieren)
  • sicherzustellen, dass das Team das Entscheidungsverfahren kennt und weiß was die Handzeichen bedeuten – falls sie als Moderator unsicher sind, lieber noch einmal kurz die Regeln zusammenfassen.

Typischerweise präferiere ich das Thumb-Voting; die “detaillierte” Rückmeldung durch die Anzahl der Finger beim Fist-To-Five ist aus meiner Sicht überflüssig.

Anders ist dies jedoch, wenn ein Moderator Feedback möchte zur Stärke des Widerstands bezüglich eines Vorschlages. Dies ist interessant, wenn wir die Situation haben, uns zwischen verschiedenen Vorschlägen entscheiden zu wollen. Dann ist es interessant eine Rückmeldung zu bekommen, welche Vorschläge einen so starken Widerstand haben (bspw. 5* die Faust), dass es vielleicht gar nicht lohnt sie zu verfeinern oder welche Vorschläge nur geringen Widerstand aufzeigen (bspw. 2* 2 Finger). Systematischer wird dies jedoch in einem anderen Entscheidungsverfahren praktiziert, dem Systemischen Konsensieren, das ich demnächst auf Konferenzen vorstellen und erleben lassen werde.

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Meine Bitte an Sie: Probieren Sie das Thumb-Voting bei einer der nächsten Entscheidungen mal aus: in ihrem Team, in der Arbeitsgruppe oder auch bei der nächsten Familienkonferenz. Und berichten Sie hier von Ihren Erfahrungen.

Entscheiden im Konsens Teil 2 – Veto-Abfrage und Konsensrunde

Jain

© hofschlaeger / PIXELIO

Im letzten Blog-Eintrag hatte ich geklärt, was ich mit Konsens meine und kurz begründet, warum diese Art zu entscheiden für selbstorganisierte Teams (wie z.B. Scrum-Teams) wichtig ist.

Wie kann ein Team oder sein Moderator/Scrum-Master nun Konsensentscheidungen herbeiführen?

Da eine Konsensentscheidung auf den Widerstand zu einem Vorschlag schaut, ist die einfachste Moderationstechnik, die ich kenne, die

Veto-Abfrage

Nachdem der Vorschlag, über den zu entscheiden ist, nochmal klar formuliert und vielleicht sogar visualisiert wurde, frage ich als Moderator: “Hat jemand ein Veto, dass wir so vorgehen? Falls ja, bitte melden.”

Die Veto-Abfrage geht sehr schnell und betont, dass uns in diesem Moment nur interessiert, ob ein Konsens zustande kommt oder ob eben ein Veto vorhanden ist.

Wichtig ist, den Teammitgliedern ausreichend Zeit zu geben, ihre Position zu überdenken und bei körpersprachlichen Hinweisen ggf. nachzufragen: “Markus, du scheinst noch nachzudenken, brauchst Du noch Zeit?”

Die Veto-Abfrage eignet sich

  • bei erfahrenen Teams, die diese Entscheidungsart kennen – ich als Moderator möchte sicher sein, dass die Teammitglieder wissen, das sie die Entscheidung mittragen, falls sie kein Veto einlegen
  • bei vermutlich weniger wichtigen Entscheidungen, bspw: “Die Elbfähren sind so laut. Hat jemand was dagegen, wenn ich das Fenster zu mache?” (Das Team befindet sich sicher in der Storming-Phase, wenn nun eine große Diskussion beginnt :-)

Falls ich als Moderator mehr Sicherheit möchte, dass wirklich jedes Teammitglied bewusst entscheidet, wähle ich typischerweise das Mittel der

Konsensrunde

In einer Konsensentscheidung ist jeder Einzelne ja in die Entscheidung miteinbezogen – die Verantwortung für die Entscheidung wird von dem ganzen Team getragen. Die Konsensrunde macht dies sehr deutlich, indem wirklich jedes Teammitglied auch explizit gefragt wird.

Als Moderator frage ich nach der Formulierung des Vorschlags reihum (also jedes Teammitglied): “Hast Du ein Veto?” oder “Ist das für dich im O.K.-Bereich?”

Sagt jemand, er habe ein Veto, fahre ich üblicherweise trotzdem mit der Runde bis zum Ende fort. Auf diese Weise weiß man, wer alles ein Veto hat und kann dann strukturiert in die inhaltliche Klärung gehen, d.h. die Hintergründe des Vetos erfragen und gemeinsam überlegen, was es braucht, damit sich das Veto auflöst.

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Im nächsten Blogeintrag zu dem Thema beschreibe ich noch einige weitere einfache und schnelle konsensbasierte Entscheidungsverfahren.

Meine Bitte an Sie: Probieren Sie mal bewusst aus, nach dem Widerstand zu fragen. Nehmen Sie Fragen wie “Hat jemand etwas dagegen, dass … ?” in Ihren täglichen Sprachgebrauch auf. Experimentieren Sie damit in Moderationssituationen. Und berichten Sie hier von den Ergebnissen.

Scrum Group Think

Der Zusammenhalt von Scrum-Teams begünstigt den Mißerfolg. Diese etwas provokante These soll die Aufmerksamkeit lenken darauf, dass eine Führungskraft erfolgreiche Scrum-Teams nicht vernachlässigen und sie „einfach mal machen lassen“ sollte. Es gibt je nach Betrachtungsperspektive verschiedene Parameter, die den Erfolg von Teamarbeit fördern. Exemplarisch seien hier aus Gründen der Einfachheit eine Klarheit hinsichtlich der sachlichen Ziele (Sachebene) und der persönlichen Verhaeltnisse der Gruppenmitglieder untereinander (Beziehungsebene) genannt. Mit der Zeit entsteht dann häufig in Teams eine hohe Kohäsion, es entwickeln sich Gruppennormen.

Gruppenkohäsion ist definiert als das Ausmaß wechselseitiger positiver Gefühle und bedeutet, dass die Mitglieder einer Gruppe sich so stark mit der Gruppe identifizieren, dass sie ein „Wir-Gefühl“ entwickeln. Dies ist der Zusammenarbeit auf der Sachebene förderlich, da es für Entlastung des einzelnen Gruppenmitglieds sorgt. In erfolgreichen Teams nun kann diese hohe Kohäsion und die Gruppennormen den Keim zum Mißerfolg bergen. Der Grund dafür sind zwei Phänomene: Gruppendenken (Groupthink) und Gruppenpolarisierung (Group Polarization).

Groupthink bezeichnet eine Situation in Gruppen, in der Argumente, welche der aktuelle Arbeitshypothese widersprechen, systematisch ausgeblendet werden. Unter Group Polarization versteht man eine Tendenz, dass Entscheidungen in Gruppen extremer (z.B. riskanter oder auch vorsichtiger) ausfallen als die gemittelte Summe der Einzelentscheidungen der Gruppenmitglieder.

Was tun?
Wenn man anhand der möglichen Ursachen für Gruppenpolarisierung (eine breitere Basis an Argumenten im Team gegenüber Einzelmeinungen und eine Ausrichtung an einem sozial erwünschten Ergebnis) sich typische Scrum–Teams vergegenwärtigt, so lässt die Vielfalt an Funktionsgruppen, aus denen Scrum–Teams zusammengesetzt sind (Analytiker, Entwickler, Tester, etc.) eine Meinungsvielfalt erwarten. Hieraus lässt sich die These ableiten, dass eine solche Meinungsvielfalt für eine nur schwach ausgeprägte Entscheidungstendenz in der Gruppe sorgt, so dass auch die Gruppenpolarisierung milder sein dürfte, als sie es in nach Funktionsgebieten getrennten Gruppen wäre.

Somit ergibt sich als Ableitung einer Intervention für die Praxis, Meinungsvielfalt im Team durch hinzuziehen externer Experten gezielt zu fördern. Beispielsweise könnte auch durch die Einrichtung von sogenannten Scrum of Scrums und Communities of Practice der Abschottung von Gruppen entgegengewirkt und die Meinungsvielfalt gefördert werden. Darüber hinaus ermöglichen Retrospektiven eine Reflexion auf das Gruppengeschehen, gleichsam ein aus der Gruppe Heraustreten und von außen Betrachten.

Diese Wirkungszusammenhänge lassen die These zu, dass Scrum–Teams einem möglichen Gruppendruck, Groupthink oder Group Polarization entgegen wirken, wenn in ihnen die Meinungsvielfalt durch Heterogenität genutzt werden kann. Hierzu kann es erforderlich sein, dass der Moderator der Retrospektive abweichende Meinungen explizit willkommen heißt, beispielsweise durch die Rolle des Advocatus Diaboli, der es als Aufgabe hat, dagegen zu argumentieren. Es lässt sich  jedoch auch ein Gegenbeispiel konstruieren: Das erfolgreiche Scrum–Pilotprojekt, welches isoliert einige sehr erfolgreiche Sprints absolviert hat und in dem die Kohäsion stärker wirkt als die Meinungsvielfalt durch Heterogenität und bei dem es durch einen schwachen Scrum Master nicht gelingt Meinungsvielfalt und ein Storming (im Sinne der Teambildungsphasen nach Tuckman) zur Geltung kommen zu lassen.

Diese  Argumentation zeigt die Bedeutung, die projektinterne Retrospektiven einerseits und ein ein projektübergreifender Gedankenaustausch (Scrum of Scrums, Communities of Practice) andererseits zur Verhinderung von Groupthink und Group Polarization haben.

Was steckt hinter Groupthink und Group Polarization?
Gruppenpolarisierung kann dann auftreten, wenn in einer Gruppe mit vorherrschender Meinungstendenz zu einem Thema über dieses Thema  diskutiert wird. Aktuell werden folgende Ursachen für eine Gruppenpolarisierung gesehen:

Der Informationseinfluss: Eine breitere Basis an Argumenten und Informationen innerhalb der Gruppe sorgt für eine Stärkung der vorhandenen Gruppentendenz und somit eine Polarisierung.
Der soziale Vergleich: Diskussionen in der Gruppe führen zu einer erhöhten Verbindlichkeit und Extremisierung der vertretenen Meinung in  Richtung des in der Gruppe gewünschten sozialen Ergebnisses.

Eine Konsequenz der Gruppenpolarisierung ist, dass isolierte Gruppen von Gleichgesinnten stärker zur Extremisierung neigen, weil es eine stärker vorhandene Gruppentendenz gibt. Das Internet wirkt in diesem Sinne polarisierend für Gruppen. Es ist offensichtlich, dass eine  Polarisierung die Güte der Entscheidungen tendenziell beeinträchtigt, da eine sie eine Beschränkung des Entscheidungsspielraumes darstellt.

Als  Groupthink wird eine Beschränkung in der Suche nach und Prüfung von Lösungsmöglichkeiten bezeichnet, der Gestalt, dass der Fokus in der  Gruppe auf Konsens gelegt wird und nicht darauf, weitere Optionen zu finden und zu bewerten. Die Gruppe beschränkt sich selbst, indem der  dominante Wunsch nach Konsens dazu führt, alternative Lösungsoptionen nicht zu prüfen oder gar nicht erst zu suchen. Es ist offensichtlich,  dass dies die Wahrscheinlichkeit von suboptimalen Entscheidungen erhöht, da ein solch dominantes Streben nach Konsens ebenfalls eine  Beschränkung des Lösungsraumes darstellt.

Bekannt wurde Groupthink durch die Arbeiten von Janis (1972), der politische Entscheidungen, die sich als schwere Fehler herausgestellt hatten (z.B. die Invasion in der Schweinebucht auf Kuba), rückblickend auf ihre Entstehungsgeschichte untersuchte. Wesentliche Grundbedingung für Groupthink ist eine hohe Gruppenkohäsion, da hier am wenigsten mit abweichenden Meinungen zu rechnen ist. Groupthink ist somit auch eine mögliche Ursache für Group Polarization.

Die Wahrscheinlichkeit für Groupthink erhöht sich,  wenn die Gruppe abgeschottet von Informationen von außen ist und durch Homogenität hinsichtlich der Zusammensetzung die Uniformität  innerhalb der Gruppe verstärkt ist. Werden diese Umstände dann noch durch Streß ergänzt wie er z.B. durch Zeitdruck bei der Entscheidungsfindung entsteht, so erscheint eine kritische Prüfung von Alternativen nicht möglich zu sein und Gruppendenken droht. An dieser  Stelle ist die Führungskraft gefragt, solche Tendenzen im Vorfeld abzusehen und den Scrum Master als Prozeßverantwortlichen bei der  Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen, die einer Gruppenpolarisierung und einem Gruppendenken vorbeugen, indem beispielsweise die Etablierung von Scrum of Scrums oder Communities of Practice gezielt gefördert wird.