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Bericht vom Abendvortrag „Vom praktischen Nutzen der systemischen Organisationstheorie“

4. August 2011

Gestern Abend fand in kleiner aber interessanter Runde unser Abendvortrag zum Thema „Vom praktischen Nutzen der systemischen Organisationstheorie“ statt, den Claudia Schröder moderiert und Peggy Pazour und ich inhaltlich durch kurze Vorträge ergänzt haben.

Eine interessante Frage war, was wir eigentlich am systemischen Denken und an systemischer Arbeitsweise so schätzen.

Meine Antwort hierzu: Die Sprache von Luhmann zu verstehen stellt zunächst einmal eine Hürde dar und erfordert ungewohntes Denken. Wenn ich aus ihr heraus arbeite, dann führt dies ganz praktisch dazu, in keiner Weise daran zu glauben, dass es sinnvoll wäre, Menschen verändern oder beeinflussen zu können oder zu wollen. Genau davon ist unsere Arbeitswelt aber immer noch durchdrungen. Zielvereinbarungen, Belohnungssysteme, auch so genannte „Motivation“ sind Werkzeuge, mit denen das Verhalten von Menschen verändert und beeinflusst werden soll, damit sie besser, schneller etc. werden. Ebenso zeigt sich dieses nicht-systemische Denken, wenn irgendwo etwas schief gegangen ist oder Arbeitsleistungen nicht wie erwartet oder vereinbart erbracht werden konnten und dann die Frage nach den „Schuldigen“, dem Verursacher oder der Ursache als solches gestellt wird. „Hätten die Kollegen X und Y nicht diesunddas gemacht, dann wäre […]“.

Natürlich geht es auch aus systemischer Sicht darum, Menschen zu helfen und sie bspw. auch zu anderen (Arbeits-)Leistungen zu befähigen, also sie zu verändern oder zu entwickeln – aber der Ansatz ist ein ganz anderer. Die Grundannahme, und jetzt komme ich zu dem was Claudia aus ihrer systemischen Arbeit berichtet hat (siehe Flipchart), ist die Autonomie und Verantwortung des Klienten (oder wenn wir von Führung sprechen: des Mitarbeiters). Nur er selbst kann sich verändern und entwickeln und er ist dafür ganz alleine verantwortlich.

Es geht also weniger darum, Menschen ändern zu wollen, sondern Menschen darin zu unterstützen, sich selbst zu entwickeln.

Damit ist nicht gesagt, dass fachliche Beratung, konkrete inhaltliche Handlungsempfehlungen oder Wissensvermittlung sinnlos sind, sondern nur, wie die Verantwortung verteilt ist. Je mehr ein Berater die Entscheidungen für seinen Kunden trifft, desto mehr nimmt er seinen Kunden die Möglichkeit, selbst verantwortlich zu sein – was natürlich nichtsdestotrotz für Kunden, Mitarbeiter und Klienten sehr bequem ist und gerne angenommen wird.

In der systemischen Arbeit begibt sich der Berater oder Coach eher in die Position des Nicht-Wissens, in eine fragende Haltung und übernimmt Verantwortung für den Beratungsprozess, also bspw. wann und wie er seine Kunden/Klienten mit welchen Fragen, Aufgaben oder Impulsen (allgemein Interventionen genannt) konfrontiert, damit er sich selbst auf den Weg macht, für sein Anliegen (neue, passendere) Lösungen zu finden.

Die fragende Haltung des systemischen Beraters oder Coaches ist verbunden mit einer wertschätzenden Haltung, einer Neutralität und Allparteilichkeit gegenüber den Beteiligten, ihren Anliegen und ihren Lösungen und zielt stets darauf, die vorhandenen Ressourcen zu erkennen und nutzbar zu machen. Auf den Defiziten oder gar einer Wertung von richtig und falsch, besser oder schlechter liegt hingegen kein Fokus.

Nach eine kurzen Pause stellte Peggy Pazour dann das Viable Systems Model von Stafford Beer vor und im Anschluß haben wir über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des (im angelsächsischen Raum gängigeren) Systems-Thinking einserseits und der (eher deutschsprachig verwurzelten) Systemtheorie/systemischen Ansätzen andererseits diskutiert. Mir fielen sofort Ähnlichkeiten zur systemischen Wirtschaftslehre von Gerhard Wohland (als auch eklatante Unterschiede) auf und ich mußte an unser it-camp am 28.5.2010 zu diesem Thema denken.

Wir konnten Gemeinsamkeiten von Systems-Thinking und systemischen Denken erkennen, vor allem in den praktischen Konsequenzen, aber eben auch unterschiedliche Wege, Ansätze und Ausgangspunkte. Da wir niemanden in unserer Gesprächsrunde hatten, der sich wirklich sicher in beiden Welten bewegen kann und weil wir die übliche Zeit für unsere Abendvorträge schon um mehr als eine Stunde überschritten hatten, blieben auch viele Fragen offen.

Bernd Oestereich


2 Antworten zu “Bericht vom Abendvortrag „Vom praktischen Nutzen der systemischen Organisationstheorie“”

  1. Peggy Pazour sagt:

    Hallo Bernd,

    nochmal ein herzliches „Danke!“ an Euch dafuer, dass ich dabei sein durfte. Fuer mich sehen die Unterschiede seit gestern deutlich geringer aus als vorher :).

    Vielleicht schaffen wir es ja sogar mit ein bisschen Uebung ein gemeinsames, multiverses Bild des systemischen Denkens zu kreieren.

    Ich wuerde mich sehr ueber eine Fortsetzung freuen. (Vielleicht dann bei schechtem Wetter)

    Gruss

    Peggy

  2. Malte Finsterwalder sagt:

    Ich habe gestern viel gelernt. Danke für die interessanten Vorträge und die anregende Diskussion. Es hat mich darin bestärkt mich wieder einmal weiter mit dem Thema zu beschäftigen.