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Entscheiden im Konsens Teil 3 – Thumb Voting und Fist-to-Five

Projektmanagement

Entscheiden im Konsens Teil 3 – Thumb Voting und Fist-to-Five

30. August 2011

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Im ersten Blog-Eintrag dieser Serie habe ich erklärt, was ich mit Konsens meine und kurz begründet, warum diese Art zu entscheiden für selbstorganisierte Teams (wie z.B. Scrum-Teams) wichtig ist.

Der zweite Blog-Eintrag stellt einfache Verfahren vor, wie Konsens abgefragt werden kann: die Veto-Abfrage und die Konsensrunde.

In diesem Blog-Eintrag möchte ich die Liste der sehr einfachen Verfahren weiter ergänzen und zwar um Verfahren, die simultan und mit visuellem Feedback arbeiten.

Zuerst also das

Thumb-Voting

Nach dem Vorstellen des Vorschlages und dem Aufruf des Moderators für ein Thumb-Voting streckt jedes Teammitglied seine Hand in die Luft. Dabei bedeutet:

dsc02312 Daumen nach oben – Ich stehe voll und ganz hinter dem Vorschlag.
thumb_side Daumen zur Seite – Der Vorschlag ist nicht meine Präferenz, aber er ist in meinem O.K.-Bereich. Ich bin bereit, den Vorschlag mitzutragen.
thumbdown Daumen nach unten – Ich habe ein Veto. Ich trage den Vorschlag nicht mit.

Sofern niemand einen Daumen nach unten zeigt, ist der Vorschlag angenommen. Wichtig dabei ist, dass für alle gut sichtbar abgestimmt wird und jeder Zeit hat, das Abstimmungsergebnis der anderen zu sehen.

Das 2. Verfahren „Fist-to-Five Voting“ ist im Grunde genommen nur eine detailliertere Form des Thumb-Votings.

Fist-to-Five Voting

fisttofive1Nach dem Aufruf zum Fist-to-Five-Voting strecken die Teammitglieder entweder die geschlossene Faust oder ein bis fünf ausgestreckte Finger in die Luft. Die Bedeutung dabei ist:

  • Faust – Starkes Veto: An diesem Vorschlag ist noch viel zu ändern, damit ich mitgehen kann
  • 1 Finger – Ich habe noch größere Punkte zu diskutieren und an dem Vorschlag zu ändern
  • 2 Finger – Ich habe noch Kleinigkeiten, die ich an dem Vorschlag ändern möchte
  • 3 Finger – Ich bin nicht begeistert, aber kann mit dem Vorschlag leben, so dass wir zum nächsten Punkt kommen können.
  • 4 Finger – Ein guter Vorschlag und ich bringe mich ein, ihn umzusetzen.
  • 5 Finger – Eine hervorragender Vorschlag und ich werde ihn mit aller Kraft umsetzen.

Ein Entscheidung ist gefallen, wenn niemand 2 Finger oder weniger zeigt, d.h. 2 Finger oder weniger gelten wie der Daumen nach unten beim Thumb-Voting.

Bei beiden Verfahren ist es wichtig, vorher klar zu stellen:

  • über was entschieden wird (am besten den Vorschlag visualisieren)
  • sicherzustellen, dass das Team das Entscheidungsverfahren kennt und weiß was die Handzeichen bedeuten – falls sie als Moderator unsicher sind, lieber noch einmal kurz die Regeln zusammenfassen.

Typischerweise präferiere ich das Thumb-Voting; die „detaillierte“ Rückmeldung durch die Anzahl der Finger beim Fist-To-Five ist aus meiner Sicht überflüssig.

Anders ist dies jedoch, wenn ein Moderator Feedback möchte zur Stärke des Widerstands bezüglich eines Vorschlages. Dies ist interessant, wenn wir die Situation haben, uns zwischen verschiedenen Vorschlägen entscheiden zu wollen. Dann ist es interessant eine Rückmeldung zu bekommen, welche Vorschläge einen so starken Widerstand haben (bspw. 5* die Faust), dass es vielleicht gar nicht lohnt sie zu verfeinern oder welche Vorschläge nur geringen Widerstand aufzeigen (bspw. 2* 2 Finger). Systematischer wird dies jedoch in einem anderen Entscheidungsverfahren praktiziert, dem Systemischen Konsensieren, das ich demnächst auf Konferenzen vorstellen und erleben lassen werde.

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Meine Bitte an Sie: Probieren Sie das Thumb-Voting bei einer der nächsten Entscheidungen mal aus: in ihrem Team, in der Arbeitsgruppe oder auch bei der nächsten Familienkonferenz. Und berichten Sie hier von Ihren Erfahrungen.


6 Antworten zu “Entscheiden im Konsens Teil 3 – Thumb Voting und Fist-to-Five”

  1. Bernd Oestereich sagt:

    Das Zeigen eines Fingers scheint mir auch in Kommunikationen im öffentlichen Raum schon sehr verbreitet zu sein. Viele benutzen speziell den Mittelfinger dafür.

  2. Was ist der Zweck dieses Handaufzeigens bei Entscheidungen im Team? Ich kann nur einen erkennen: Geschwindigkeit.

    Aber warum muss man denn so auf die Tube drücken? Die Entscheidungsfällung ist mit Handaufzeigen wie durch gezieltes Fragen jedes Einzelnen, ob er/sie Konsent gibt, im Verhältnis zu vorhergehenden Diskussion immer sehr kurz. Warum also an der Stelle optimieren?

    Der Schaden, der dadurch entstehen kann, dass eben nicht jeder einzeln und mit Augenkontakt nach seinem/ihrem Konsent befragt wird, scheint mir zu groß, als dass Handaufzeigen zuoberst im Werkzeugkasten liegen sollte.

    Geschwindigkeit und Überblick über das Meinungsbild, scheinen naheliegende Gründe für Handaufzeigen. Aber wenn Geschwindigkeit und Überblick „Ziele“ sind, dann bekommt man sehr schnell Entscheidungen, die darauf getrimmt sind. Ganz einfach, weil die Menschen in einer Entscheidungsrunde dazu tendieren, sich kulturkonform zu verhalten.

    Geschwindigkeit als „Ziel“ erzeugt Willen zu schnellen Entscheidungen.

    Überblick als „Ziel“ erzeugt den Willen zu Einmütigkeit.

    Wenn hingegen das Entscheidungsverfahren das „Ziel“ hat, jeden persönlich mit seiner Stimme zu Wort kommen zu lassen (und sei das auch nur 1 Wort, „Konsent“), dann ist das eine ganz andere Kultur. Nämlich eine Kultur der individuellen Wertschätzung.

    Wertschätzung als „Ziel“ erzeugt Willen zu wertschätzenden Entscheidungen.

    Was sind wertschätzende Entscheidungen? Entscheidungen, in denen sich alle berücksichtigt fühlen mit ihren Einschätzungen, d.h. keine Energie für Kämpfe hinter den Kulissen vergeuden müssen. (Das bedeutet aber nicht, dass die Entscheidung am Ende ein lascher Kompromiss ist.)

    Tut mir leid, Markus, dass ich schon wieder rumkrittele ;-) Nimms mir nicht übel.

  3. Ralf, Geschwindigkeit, so meine Erfahrung, kann sogar sehr entscheidend sein. Oft scheint eine Entscheidung in der Gruppe sehr einfach zu sein („Wir trinken doch alle Kaffee, oder?“), so dass ein Teammitglied einfach entscheidet („Dann bestelle ich eben einen Karton für unsere Küche.“). Hier eine genaue Abfrage à la Augenkontakt, Fragen, nächste Person, das bremst doch sehr die kleinen Entscheidungen. Wie einfach (und schnell) ist es da mit Thumbvoting.

    Ich würde hier auf den Moderator vertrauen. Er sollte erahnen können, wann einige Gruppenmitglieder sich gruppenkonform verhalten (und dann gezielt nachfragen), oder ob hier das Fragen jedes Einzelnen den Flow verhindert. Und gegen letzteres sind die von Markus vorgestellten Werkzeuge wirklich sehr gut geeignet.

  4. Manchmal ist Geschwindigkeit wichtig und sinnvoll, manchmal jedoch ist es lohnenswert, sich für eine Entscheidung Zeit zu lassen und nicht nur den Daumen zu sehen, sondern die Gedanken zu hören. Das ist dann der Fall, wenn es um kreative Lösungen geht.

    Ob Thumb-Voting oder die soziokratische Abfrage nach Konsent ist dabei nicht so wichtig. Entscheidend ist dabei aber, wie mit einem „Daumen nach unten“ weiter verfahren wird. Ist der Vorschlag abgetan oder wird der Widerständler dann gehört? Wir dieser Widerstand inhaltlich zur Anpassung des Vorschlags genutzt? Ist der Widerständler für seinen Einspruch verantwortlich und muß damit seine Position „verteidigen“ oder wird der Hintergrund des „Daumen nach untens“ Eigentum und Verantwortung des Teams?

  5. @Bernd: Ich glaube kaum, dass die Entscheidung für den Kaffee in einer Runde mit einem Leiter gefällt wird ;-) Nicht jede Entscheidung muss ja auch im Konsent gefunden werden.

    Wenn es also auf Geschwindigkeit ankommt, dann ist womöglich weder Konsens noch Konsent der angemessene Weg. Auf einer Baustelle wird der Meister zurecht nicht jede Entscheidung an den Konsent seiner Mitarbeiter delegieren, sondern autokratisch anordnen.

    Wenn er das jedoch im Betrieb zu Grundsatzfragen immer noch tut… dann mag das ein Problem sein mit „der heutigen Jugend“ ;-) Wer einfach anordnet, „Wir arbeiten jetzt jeden Samstag!“, der macht sich keine Freunde. Wer hingegen das Problem, „Wie können wir die vielen Aufträge wegschaffen?“ im Konsent versucht zu lösen, der bekommt loyale Mitarbeiter.

  6. @Frau D.

    „Ist der Widerständler für seinen Einspruch verantwortlich und muß damit seine Position “verteidigen” oder wird der Hintergrund des “Daumen nach untens” Eigentum und Verantwortung des Teams?“

    Das ist aus meiner Sicht die Kernfrage (vgl. mein Beitrag zu Teil 1 dieser Serie), wenn wir hier eine Methode heben wollen, die ein MEHR (auch an Effizienz und Effekt) bringt, als bisherige Formen der Entscheidungsfindung.

    Das ist mE dann der Fall, wenn das Wissen (und Nichtwissen, das Ungewußte, Unbewußte und die Intuition) aller möglicherweise nützlich sein können, also bei Problemen (~Lösung ist nicht evident), nicht bei Rätseln (~ Lösung ist zumindest irgendjemandem bekannt).

    Der Widerstand ist dann nicht das, was der ideal-geschickte Moderator mit seinen Tools, oder der der überzeugende Gegner mit dem Nachweis mangelhafter Begründung schon wegkriegen wird, sondern das wo die Kreativität, die neue Lösung, die Zukunft drinliegt – aber erst, wenn das Team gemeinsam damit arbeiten konnte (weil der Veto-Einleger selbst keine Ahnung von der Lösung haben muss).

    BRL

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