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Entschleunigung

Entschleunigung

27. April 2011

Wie kam ich eigentlich auf das Thema Entschleunigung und warum habe ich diesen Begriff gewählt?

Ich glaube, es fing mit dem Thema Burnout an. Ungefähr vor 4 Jahren kam ich mehr und mehr in Kontakt mit Menschen, die ein Burnout hinter sich hatten, sich gerade auf eines zubewegten oder gerade in einem steckten.

Und da ich ein Mensch bin, der nur gut funktioniert, wenn ich mich in meiner Mitte (so nenne ich das mal) befinde, interessierte es mich natürlich, was dazu führen kann, dass sich ein Mensch nicht mehr in seiner Mitte befindet.

Ich begann also, mich mit dem Thema bezogen auf das IT-Umfeld auseinander zu setzen, sammelte unterschiedliche Information und führte viele interessante Gespräche mit erfahrenen Burnout-Genesern.

Mittlerweile weiß ich, dass das Wort Burnout nur eine neue Wortschöpfung ist und es sich letzten Endes um eine Erschöpfungsdepression handelt. Die Allgemeinheit scheint lieber das Wort Burnout zu verwenden, möglicherweise hört sich „ich bin an einer Erschöpfungsdepression erkrankt“ schlimmer an, als „ich habe ein Burnout“. Bei Depression denken viele Menschen heute ggf. noch „ab in die Klapse – der/die tickt nicht richtig“. Bei Burnout prickelt es da ganz anders – ist da nicht Spannung und Energie mit dabei? Ein Feuer wieder in Gang zu kriegen, scheint ja nicht allzu schwer zu sein. Und wenn es dann erst mal wieder auflodert, läuft es ja wieder…Gut, das sind lediglich meine Hypothesen dazu.

Nun gibt es viele Autoren zum Thema Burnout, viele Thesen, Selbstmanagement-Werkzeuge, Selbsthilfegruppen, Diskussionsforen, maßgeschneiderte Produkte, ein ganzer Markt, der mittlerweile davon auch gut leben kann.

Aber damit war ich noch nicht zufrieden. Denn: wenn wir ehrlich sind, gibt es sicherlich seit es Menschen und Arbeit gibt Situationen, wo wir erschöpft sind oder uns überarbeitet haben. Was machen wir denn heute konkret anders? War diese Erkrankung schon immer da und wurde sie bloß nicht untersucht? Sind die Menschen heute unfähig, ihre Arbeit so zu organisieren, dass sie dabei gesund bleiben? Warum sprechen wir heute so viel darüber, keine Zeit zu haben? Warum träumen wir von so vielen kleinen Fluchten/Freiräumen?

Ich persönlich glaube nicht, dass der Großteil der Menschen unfähig ist, seine Arbeitswelt vernünftig zu organisieren. Zumindest sind die Leute, die sich mir gegenüber als ehemalige „Burnouter“ zu erkennen gaben, alles anerkannte Experten und ich schätze sie sowohl als Mensch als auch Könner. Was ich eher wahr nahm war, dass es sich immer um sehr engagierte Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein handelte, die auf der einen Seiten einen großen Reiz darin sahen, viel zu leisten und sich meist in einem Umfeld aufhielten, in dem viel gefordert wurde. Auf der anderen Seite hatten sie es irgendwann verpasst, rechtzeitig Grenzen zu setzen. Bezogen auf die Arbeitswelt meine ich die Grenze zwischen Arbeits- und Privatzeit.

• Wann ist heute Ihr konkreter Arbeitsschluss?

• Wann lassen Sie die Arbeit tatsächlich ruhen?

• Wann beginnt Ihr Privatleben?

• Wo sind sie gerade mit Ihrer Aufmerksamkeit?

• Wer hat die Hoheit über Ihre Zeit und die Einteilung Ihres Tages?

Ich verfolgte also die These, dass einige heute damit Probleme haben, Grenzen zu setzen – und dies in einer Zeit in der immer mehr Grenzen in unserem Leben verschwinden. Diese Grenzenlosigkeit macht etwas mit uns und erfordert meines Erachtens einen kompetenten Umgang, da wir Menschen als soziale Wesen, Grenzen benötigen.

Ich suchte also weiter und wurde Ende letzten Jahres abermals fündig. Mir fiel ein Buch der österreichischen emeritierten Professorin Helga Nowotny, die am Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung der Universität Wien arbeitete zum Thema „Eigenzeit – Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls“ in die Hände.

Da ich ihre Thesen recht interessant finde und ich das Gefühl habe, wieder ein Puzzleteil auf meiner Suche gefunden zu haben, möchte ich ein wenig davon berichten. Sie kam wie folgt zu dem Thema „Eigenzeit“: „Im Mittelpunkt meines Interesses steht die Frage: wie verändert sich Zeit? […] ich wissen wollte, warum manche Menschen „mehr“, andere „weniger und viele gar „keine“ Zeit haben, […] und den Bezügen, die sie zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herstellten.“

Der Autorin geht es in ihrem Buch in erster Linie darum, die qualitativen Veränderungen in der Zeitwahrnehmung, im Zeitempfinden und in der gesellschaftlichen wie individuellen Strukturierung von Zeit zu analysieren. Sie nennt diese Zeitkategorien.

Ein Beispiel zur Zeitkategorie „Vergangenheit“: „In der Welt des Bürgertums wurde die öffentliche Zeit der Arbeit der privaten Zeit innerhalb der Familie entgegengesetzt. Beide waren zeitlich geregelt, mit genau angegebenen Übergangsriten. Durch diese Polarisierung entstand eine spezifische Ich-Zeit-Perspektive, die zwischen Eigen- und Fremdzeit unterschied.“

Diesen Zustand treffen wir heute so nicht mehr an. Warum verwischten die Zeitgrenzen zwischen privater und öffentlicher Zeit? Die Autorin führt geschichtliche Veränderungen in der Arbeitswelt an. D.h. während der Industrialisierung intensivierte sich das Arbeitsleben. Zunehmender Zeitdruck entstand, die Frau trat aus der Privatzeit der Familie heraus in die öffentliche Zeit und das Arbeitsleben. Dadurch wuchs das Verlangen nach einer neuen Verfügungskategorie: der Eigenzeit! D.h. das Individuum entwickelte eine neue Erwartungshaltung. Die Entwicklung des Zeitempfindens verändert sich jedoch weiter.

Die Autorin stellt die These auf, dass die Kategorie „Zukunft“ durch Technologien unaufhaltsam verschwinden würde, da diese Technologien und damit meint sie die modernen Kommunikationstechnologien, am unmittelbarsten und sichtbarsten die menschliche Zeitwahrnehmung verändern würden. Wie geschieht das?

Sie ist der Auffassung dass wir durch den Einsatz der modernen Kommunikationstechnologien einen weltweiten Zustand von Gleichzeitigkeit anstreben. Beispielsweise sind Finanzmärkte rund um die Uhr miteinander verknüpft. Bei den Märkten geht es darum, aus der Zeit Kapital zu schlagen. „War es in der Phase der Industrialisierung vor allem die Gleichsetzung von Zeit und Geld, die aus der industriell-kapitalistischen Produktionslogik resultierte und Zeit um knappen Gut machte, so wird Zeit jetzt selbst dynamisiert: sie wird zu beschleunigter Innovation.“ Das habe nach Nowotny Auswirkungen und Folgen für die Qualität der Zeit und würde Konflikte und Verteilungsprobleme nach sich ziehen.

• Wie wirkt sich der Zustand der Gleichzeitigkeit auf uns Menschen aus?

• Wie und wodurch erhöht sich Ihre Lebensqualität, wenn Sie auf verschiedenen Kommunikationskanälen gleichzeitig kommunizieren?

• Wie verändert sich die Kommunikation untereinander?

• Wann haben Sie das letzte Mal spontan in Ruhe mit einem Menschen gesprochen?

Natürlich bieten diese vielfältigen Kommunikationstechnologien einerseits große vielfältige Chancen und Möglichkeiten und sicherlich auch Erleichterung im Arbeitsleben – wenn wir mit Ihnen angemessen und wirkungsvoll umgehen, d.h. situativ anwenden. Andererseits beeinflussen sie stark unser Zeitempfinden, unser Zeiterleben, unser Arbeitsleben und unsere Lebensqualität. Denn: sobald ich mich einmal entschieden habe zu twittern, zu bloggen, zu emailen, wird meine allzeitliche Verfügbarkeit erforderlich. Das geht ja mittlerweile immer besser mit diesen mobilen Dingern, ich twittere, während ich an der Kasse anstehe, telefoniere während ich Auto fahre oder meine Tochter vom Kindergarten abhole, selbst am Frühstückstisch liegt mein Tablet schon bereit, ich könnte die Liste endlos fortführen…

Meine Suche hat mich also erst mal bis hier hin geführt und wird weitergehen. Heute Morgen nach dem Frühstück mit meiner Familie, griff ich nach dem Aufräumen nach der brand eins und fand just dort einen Artikel mit der aufreisserischen Überschrift „Die E-Mail erledigt uns“ – ein Interview mit der amerikanischen Soziologin Sherry Turkle vom MIT, der möglicherweise wieder ein weiteres Puzzleteil sein könnte…

• Wo sind sie gerade mit Ihrer Aufmerksamkeit?


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