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Integrationsdebatte

Integrationsdebatte

18. November 2010

Eine wichtige Gemeinsamkeit agiler Methoden ist die Forderung nach der regelmäßigen Interaktion mit dem Kunden. Im Agilen Manifest heißt es dazu noch recht allgemein: „Business people and developers must work together daily throughout the project.“. Dass diese Strategie ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, haben wir erneut in unserer Studie zum „Einfluss klassischer und agiler Techniken auf den Projekterfolg“ sehen können.

Im Extreme Programming gibt es den „Customer on Site“, welcher unmittelbar verfügbar und Teil des Teams sein soll. Scrum erweitert das Prinzip und macht den Kunden zum Product-Owner, er hat die Verantwortung für „sein“ Projekt und ist unmittelbar verantwortlich für Projekterfolg oder -misserfolg. Das Ziel ist also, den Kunden möglichst vollständig in das Projekt zu integrieren – denn es ist sein Projekt.

Integration (Soziologie), Wikipedia (15.11.10)

Der Begriff Integration ist vom lateinischen integratio abgeleitet und bedeutet in der Soziologie

  • die Ausbildung einer Wertgemeinsamkeit mit einem Einbezug von Gruppierungen, die zunächst oder neuerdings andere Werthaltungen vertreten, oder
  • die Ausbildung einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit einem Einbezug von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen von dieser ausgeschlossen (exkludiert) und teilweise in Sondergemeinschaften zusammengefasst waren.

Integration hebt den Zustand der Exklusion und der Separation auf. Integration beschreibt einen dynamischen, lange andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens.

Viele Product-Owner, wenn Sie denn echte Kunden-Product-Owner sind, fühlen sich grundlegend überfordert. Gleichzeitig sind sie oftmals auch bewußt gegenüber dem Projekt als Kunden positioniert worden und fühlen sich Ihrer Heimatorganisation verbunden. Eine häufig gestellte Frage ist daher, ob es nicht auch ein Ersatz-Product-Owner tut. Dieses Muster hat als „Proxy-Product-Owner“ Verbreitung gefunden und kommt immer dann zur Anwendung, wenn man den eigentlichen Kunden nicht zur Übernahme der Verantwortung und zur Integration in das Scrum-Team bewegen kann.

Wer diesen Weg wählt, sollte sich aber einer Sache bewusst sein: Die Aufgabe das Miteinander im Projekt auszuhandeln, Regeln der Zusammenarbeit zu finden und Verantwortlichkeiten zu klären, entfällt dadurch nicht. Der Kunde muss Verantwortung übernehmen und aktiv mitarbeiten, auch ohne ein integrierter Teil des Teams zu sein.

Vielleicht ist der Proxy-Product-Owner in vielerlei Hinsicht auch die realistischere und bessere Alternative. Denn in der Integration gehen auch die Stärken, welche aus der Spezialisierung und gegenseitiger Abgrenzung entstehen, wieder verloren. Schließlich ist es nicht ohne Grund so, dass es zwei getrennte Organisationseinheiten gibt.

Im Lean gibt es das Konzept des Product-Champions, welches sicherlich auch eine Vorlage für den Product-Owner war. Der Product-Champion ist ein allgemein respekierter, langjähriger und sehr erfahrener Mitarbeitender der Organisation, der sowohl das Geschäft, wie auch die technische Seite der Produktentwicklung sehr gut kennt. Mit diesem Hintergrund ist er sicherlich gut in der Lage eine integrierende Rolle einzunehmen.

Die allermeisten Product-Owner erfüllen heute die Voraussetzungen eines Product-Champions sicher nicht. Und spätestens bei externen Projekten kann es eigentlich schon per Defintion niemanden kennen der beide Seiten intensiv versteht. Um so wichtiger wird aus meiner Sicht, nicht einfach dem Ideal der Integration hinterher zu trauern, sondern sich aktiv um die Gestaltung eines Miteinanders zu kümmern. Und das in dem Bewußtsein, dass man wohl nicht eins wird.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Integration von Kunden in Ihre Teams gemacht? Völlig undenkbar oder voll integriert?


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Eine Antwort zu “Integrationsdebatte”

  1. Guido Zockoll sagt:

    Hallo Jan, hallo liebe Blogleser,

    auch wenn ich es an anderer Stelle schon mal gemacht hab, hier nochmal der Link zu meiner Weihnachtsgeschichte ala Scrum, die sich vor allem mit der Rolle des Produkt-Owners auseinandersetzt:

    Ich fürchte, die Rolle des PO (oder Customer-On-Site) ist ein arg romantische Perspektive. Natürlich landet die Verantwortung da, wo sie hingehört. Aber sie beinhaltet auch eine ziemliche Überforderung: Requirements-Engineering, Projektplanung, Portfolio-Management, Risikomanagment, Budgetplanung … all das wird dem PO zugestanden (oder auf ihn abgewälzt). Damit ein PO diese Rolle wahrnehmen kann, muss er schon fast übermenschliche Fähigkeiten haben. Und Zeit, sehr viel Zeit. Und wer kümmert sich dann um die Aufgaben, die der PO eigentlich hat (Produkte erfinden und vermarkten)?

    Ein weiterer Aspekt ist die Fehlerkultur, die ein Unternehmen hat. Gehe ich in die Verantwortung, dann bin ich auch verantwortlich für Fehler. Da ist es im zweifelsfall sicherer, mit dem Finger auf einen – am besten noch externen – Projektleiter zu zeigen.

    Ich habe jedenfalls schon in vielen Firmen agile Projekte gesehen – und geleitet. Aber einen „echten“ PO habe ich noch nie gesehen.

    Obwohl … gerade entwickelt sich was, das könnte in die Richtung gehen …

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