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Mittelstand trifft Politik: Im Dialog mit Gregor Gysi

Mittelstand trifft Politik: Im Dialog mit Gregor Gysi

24. Oktober 2014

Gestern konnte ich auf Einladung des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) in Hamburg an einer Podiumsdiskussion mit Dr. Gregor Gysi (Politiker), Prof. Dr. Hartmut Kliemt (Frankfurt School of Finance & Management) und Joachim Sach (Mitglied im Bergedorfer Kreis der Körber-Stiftung) mitwirken. Moderiert wurden wir von Jörn Lauterbach, Redaktionsleiter Die WELT.

Uns geht es gut, ähem, doch nicht?

Es ging um Ethik in Unternehmen, im Staat und in der Welt. „Uns geht es gut. Unsere Binnenkonjunktur brummt […] Sind wir gut gerüstet für die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen?“, so lautete vor 4 – 6 Wochen der Ankündigungstext zu dem Abend. Und schon in dieser kurzen Zeitspanne hat sich die Sichtweise komplett gedreht: die Konjunktur bricht ein, die Eurokrise ist „zurück“ und einige andere düstere Szenarien und Prognosen. Damit hatten wir gleich den passenden Einstieg ins Thema.

Ich möchte unsere 90-minütige Diskussion nicht wiedergeben, sondern ein paar meiner (persönlichen, nicht oose repräsentierenden) Gedanken zu diesem Thema vor, während und nach der Diskussion skizzieren.

Wir dringen in eine Dimension vor, die nie ein Mensch zuvor betreten hat

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten mit der Internet genannten globalen Infrastruktur einen komplett neuen Lebens-, Kommunikations- und Wirtschaftsraum geschaffen. Wir haben unserer Zivilisation eine ganz neue Dimension mit eigenen Gesetzmäßigkeiten zugefügt. Unsere alten Räume sind dabei nicht weg, wir haben jetzt nur einen Raum bzw. eine Dimension mehr. Während wir noch vor wenigen Jahren Online- und Offline-Welt unterschieden haben, hat sich die Frage spätestens mit dem „Internet der Dinge“, also der Integration der physischen Welt in die virtuelle, erübrigt. Die Welten sind jetzt verwoben. Daran gewöhnen wir uns erst gerade, ebenso wie sich herumspricht, dass wir nicht nur Subjekte, sondern (mit unseren Daten und unserem Verhalten) auch beobacht- und bearbeitbare Objekte sind.

Unsere sozialen, organisatorischen, technischen und wirtschaftlichen Vernetzungen, Kommunikationen und Rückkopplungen sind damit sprunghaft gestiegen, wir haben unsere Welt ganz radikal komplexer, nicht-linearer, eigendynamischer, unkontrollierbarer und unvorhersehbarer gemacht. Die Möglichkeit, uns auf Kausalitäten zurückzuziehen, ist uns weitgehend abhanden gekommen. Und das überfordert uns jetzt erstmal. Wir haben uns mit dem Betreten dieser Dimension in eine ganz grundsätzliche Krise gestürzt. Da ist die Euro- und Bankenkrise nur eine Sichtweise oder Projektionsfläche dieser Krise.

Mehr vom Gleichen?

Vielleicht könnten wir schon lernen, etwas lockerer und entspannter mit der Krise umgehen, aber ganz gewiss nicht dadurch, dass wir sie zu kontrollieren versuchen. Das ist reaktionär: mit aller verbleibenden Macht das Geschehen kontrollieren zu wollen. Zu erwarten, dass auf eine Handlung eine ganz bestimmte Wirkung eintritt. Ebenso wie es reaktionär ist, alles überwachen zu wollen. Insofern zeugen viele Maßnahmen unserer nationalen, europäischen und internationalen Institutionen von der EZB bis zum BND eher von dieser Reaktion.

Gregor Gysi fragte, ob wir so etwas wie eine Weltregierung bräuchten. Da wir es mit einem globalen Netzwerk, Lebens- und Wirtschaftraum zu tun haben, der orthogonal zu unseren gewohnten (staatlichen) Souveränitätsräumen existiert, ist der Diskurs zur Gestaltung von Rahmenbedingungen in der Netzwerkzivilisation wichtig. Die Komplexität und Dynamik dieser Welt wird dadurch aber nicht geringer. Die Unsicherheiten und Unvorhersehbarkeiten bleiben.

Gregor Gysi, Bernd Oestereich

Jeder von uns, jeder Mittelständler genauso wie die großen Industrien, ist prinzipiell betroffen, also verunsichert. Der alte Glaube an kalkulierbare oder absehbare Geschäftsmodelle trägt nicht mehr. Jeden kann es treffen, einfach dadurch, dass jemand anderes eine gute Idee hat und sie im passenden Netzwerkkontext umsetzen kann. Egal, ob das nun die Medienbranche (Musik, Verlage), die Taxizentralen oder das Schuhgeschäft in unserem Viertel ist. Alle Versuche, diese Veränderungen zu kontrollieren, zu beherrschen und zu bekämpfen, werden scheitern. Weil die Eigendynamik und Kreativität in diesem Netz immer die Nase vorn haben wird.

Ein Verband für die mittelständische Wirtschaft ist wichtiger denn je, aber er würde nicht weit kommen, wenn er sich nur als reaktionäre Lobby sieht, die sich der Sehnsucht nach den alten Sicherheiten hingibt, wie es die Verlagsbranche mit dem Lobbyismus zum Leistungsschutzrecht zuletzt in peinlicher Weise demonstriert hat. Wie der Frosch im langsam siedenden Wasserbad seine Situation nicht bemerkt, verhindert die auch reaktionäre Sicht, die Veränderungen in unserer Welt zu erkennen und hilfreiche Einsichten zu gewinnen. Entweder gehen wir freiwillig aus der heimeligen Ursache-Wirkungs-Komfortzone oder wir reiben uns auf, überhitzen unsere Organisationen und landen im Burnout.

Relevanz, Kreativität und Vernetzung statt Effizienz, Planung und Kontrolle

Die gute Nachricht ist ja: Jeder von uns kann es sein, der eine gute Idee hat und sie im passenden Kontext umsetzt und damit ein neues Geschäft erfindet. Kapital und Produktionsmittel sind auch weiterhin wichtig, genauso wie Effizienz. Aber das alte Effizienzdenken ist ausgelutscht, mehr vom Gleichen bringt uns nichts Neues. Und Geld ist immer öfter nicht mehr der Engpass. Es geht jetzt um Relevanz statt nur um Effizienz. Die Wettbewerbsfaktoren sind Kreativität und Vernetzung – gerade auch im Mittelstand. Also müssen wir mehr experimentieren, mutiger werden und Kontrolle, Überwachung und Kontrollverlustängste von diesen Experimenten fern halten. Wir sollten dabei schon gucken, welche Investitionen und Verluste wir uns leisten können. Aber ansonsten müssen wir uns einfach der Eigendynamik und Komplexität hingeben und lieber aufmerksam beobachten, welche Gelegenheiten sich ergeben, statt Soll-Ist-Abweichungen zu kontrollieren. Es hat keinen Sinn mehr, von unseren Entscheidungen und Handlungen auf bestimmte Wirkungen zu schließen. Wir können auf bestimmte Wirkungen hoffen, sie uns wünschen, als eine von vielen Möglichkeiten antizipieren – aber nicht weiter mit ihnen planen oder kalkulieren, als wir auf Sicht fahren können.

Werte

Gestern Abend haben wir auch über Werte bspw. zur Solidarität oder Nächstenliebe, Umverteilung und Teilhabe von Menschen gesprochen. Persönlich glaube ich nicht daran, dass Appelle und Moralisierungen viel bringen. Den Versuch, die Werte und das Verhalten von Menschen ändern zu wollen, finde ich übergriffig. Natürlich klingt es gut, wenn reiche Menschen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und speziell in Hamburg gibt es viele wirklich gute Beispiele für Mäzenatentum. Prof. Kliemt wies aber auch auf Gegenbeispiele hin. Die Änderung von Rahmenbedingungen fände ich interessanter, hierzu brachte Dr. Gysi das Beispiel, die Steuerpflicht wie in den USA an die Staatsbürgerschaft zu koppeln.

Mitarbeiterbeteiligung

Nur kurz gestreift wurde das Thema der Beteiligung von Mitarbeitern an Unternehmensentscheidungen. Hier hatte ich den Eindruck, dass zwei Parallelwelten im Raum waren: Die einen, die dies als hilfreiche Maßnahme zur Erhöhung der Akzeptanz von vorgegebenen Entscheidungen ansehen. Hier geht es also um ein Konvergenzbestreben. Und die anderen, denen es darum geht, gemeinschaftlich Lösungen zu erfinden und gestalten, die einzelne nicht (und schon gar nicht Chefs alleine) leisten können, sondern die gerade aus der Vielfalt und Unterschiedlichkeit aller Beteiligten erwächst. Dies ist ein Divergenzbestreben.

Verlust unserer Grundrechte und die bevorstehende Entstaatlichung

Bei einem Treffen von Mittelständlern, auch bei einem überparteilichen Verband, hatte ich eine starke Kritik an unserer Kanzlerin nicht erwartet. Gemessen am Szenenapplaus für Gregor Gysi und an den Inhalten der Zuschauerfragen (Können wir [an Überwachung oder TTIP] überhaupt noch etwas tun/retten?) zeigte sich für mich aber eine unerwartete Klarheit. Die in den letzten Monaten deutlich gewordene, von den Regierungen gebilligte, geförderte und möglicherweise gar initiierte faktische Abschaffung einiger Grundrechte empört, verunsichert oder verärgert viele. Grundlagen unseres Staats- und Gesellschaftssystems und unserer Werteübereinkünfte werden möglicherweise aus persönlichem Machtkalkül disponiert. Bezüglich der offensiven Verweigerung jeglicher Haltung unserer Regierung gegenüber den USA beim Thema digitaler Überwachung und Kontrolle schien es keine großen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Publikum und dem Oppositionsführer zu geben. Ebenso bei der als „Freihandelsabkommen“ etikettierten Entstaatlichungsoffensive TTIP.

Hier und da wurde an dem Abend nochmal halbherzig versucht, Kommunismus-Kapitalismus-Feindbilder zu provozieren. Aber irgendwie ist die Welt so einfach nicht mehr.


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