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Mythen der Selbstorganisation – Chefs müssen abgeschafft werden

Neue Arbeitswelten

Mythen der Selbstorganisation – Chefs müssen abgeschafft werden

23. April 2019

Zugegeben, es ist eine witzige Vorstellung, keine Chefs mehr zu haben. Niemand, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen hab. Niemand, der mich mit seinem Kontrollzwang und Sicherheitsbedürfnissen nervt. Und ich kann mich auf meine Arbeit konzentrieren. Endlich darf ich selbst entscheiden… Moment mal! Werde ich dann nicht zu meinem eigenen Chef? Muss ich mich dann auch selbst abschaffen? Irgendwie beißt sich die Katze selbst in den Schwanz. Also noch einmal ganz von vorn: Geht das eigentlich, alle Chefs abzuschaffen? Ist das überhaupt so?

Muss ich mich abschaffen?

Zu aller erst haben wir hier ein paradoxes Problem. Wer übernimmt am Ende die Aufgaben und Tätigkeiten, die bisher in der Rolle des „Chef“ gebündelt sind. Wäre derjenige dann nicht wieder ein Chef, wenn auch nur für einen Tag? Dann müsste er oder sie sich ja wieder selbst abschaffen oder die Aufgaben bleiben einfach liegen und niemand macht es … gefährlich, albern, aber vielleicht auch nur Haarspalterei.

Oben ohne bitte! Bitte?

Das ist doch alles zu philosophisch, wie sieht es denn ganz nüchtern betrachtet mit der rechtlichen Grundlage aus? Welche Unternehmensform lässt denn überhaupt eine Struktur ohne Chefs zu? Soweit ich weiß: keine. Auch oose hat sich, unter anderem, damals für die Form der Genossenschaft entschieden, weil nur wenige Führungspositionen vorgeschrieben sind. Aber auch wir müssen Vorstand und Aufsichtsrat ausweisen und die Kollegen auf der Position sind rechtlich in der Verantwortung und haben gleichzeitig formelle Führungsgewalt, etc. Ganz ohne geht es also derzeit noch immer nicht. Jedenfalls solange der Rechtsgeber einen konkreten Ansprechpartner verlangt, dessen Kopf auch im Ernstfall rollt.

Hierarchische Tiere!

Rein menschlich streben wir nach grenzenloser Freiheit. Oder etwa nicht? Naja, rein historisch betrachtet, sind wir noch gar nicht so lange aus der Höhle raus. Und in der Steinzeit überlebten die, die in der Gruppe erfolgreich agierten. Die Nachbeben stecken bis heute in unserer Natur, auch wenn wir es nicht immer wahr haben wollen: Wir sind und bleiben –wohl noch eine ganze Weile — hierarchische Tiere. Sind mehr als drei Menschen in einem Raum, wird die Rangfolge geklärt, ob bewusst oder unbewusst. Wir können einfach nicht komplett ohne Rangfolge. Das haben wir uns über Zehntausende Jahre antrainiert und wahrscheinlich sogar in unserer DNA verankert. Unternehmenshierarchien sind ja nur der Versuch, diese natürliche Ordnung zum Wohle der Unternehmung nachzuempfinden. Leider krankt das Modell in der heutigen Zeit an seinen starren Strukturen. Die bestehenden Regeln für die Besetzung von Chefposten sind einfach zu träge im Angesicht unserer digitalisierten Märkte. Chefs Abzuschaffen ist damit auch die Erkenntnis, dass es ohne diese Position oft besser läuft, als mit dem Falschen.

Was nun?

Der Chef erfüllt, im wirtschaftlichen Kontext, auch eine wichtige Aufgabe. Mit hochgekrempelten Ärmeln und den Händen im Dreck, so richtig am Schaffen, hat es immense Vorteile, wenn jemand mir den Rücken frei hält. Andere Tätigkeiten können sehr leicht meinen Fokus und damit mein Tempo reduzieren. Da fällt Buchhaltung oder das Recherchieren juristischer Feinheiten genauso oft rein, wie Verhandlungen mit offiziellen Stellen und strategische Entscheidungen.

Tatsache ist, dass viele Unternehmen im Zuge ihrer agilen Transition Chefs, Manager und Führungsebenen abschaffen. Die einen mehr, die anderen weniger, aber niemals alle. Was jedoch alle vereinen: Die Erkenntnis, dass die herausgestrichenen Schichten der Pyramide mit der Zeit überflüssig oder sogar kostentreibend geworden sind. Völlig losgelöst davon, dass in der Vergangenheit all diese Chefposten durchaus ihre Berechtigung gehabt haben. Darüber hinaus entsteht ein Vakuum immer dort, wo die Führung aus der Unternehmenshierarchie gestrichen wird, obwohl sie gebraucht wird. Dann geht es ganz natürlich ins Hauen und Stechen um die Leitung der Gruppe über, wenn der offizielle Rahmen fehlt. Das ist in den Höhlen der Steinzeit auch völlig in Ordnung gewesen, lenkt aber in den Tribes der Neuzeit den Fokus weg von den lebenswichtigen Unternehmungen der Organisation. Angst und ständige Stresssituation stellen sich ein und wirken durchschlagend negativ auf eine Gruppe von Menschen, die eigentlich zusammen an einem Strang ziehen sollte.

Aber sind Chefs nun gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos?

Als Berater muss ich eindeutig sagen: „Kommt drauf an.“

Spaß beiseite, wie viel Chef ein jedes Unternehmen braucht, ist eine individuelle Frage, der Balance. Aber eines ist sicher: alle abzuschaffen ist ein Mythos.


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