Vor ein paar Wochen las ich beim Medienlotsen, dass er “Die Information” von James Gleick lese, fand das interessant und bestellte mir das Buch auch gleich. Das Buch war dann doch deutlich dicker als ich irgendwie erwartet hatte. Der Titel klingt ja auch zunächst auch eher trocken – ich fand das Buch dann aber sehr interessant und hatte es in wenigen Tagen durchgelesen.
Wie der Titel sagt, geht es um Information, und zwar vor allem um die Geschichte der Information, vorwiegend der Informationsverbreitung, der Nachrichtenübertragung und bspw. des Telefons.

Das Internet hat unsere Kommunikation und damit unsere sozialen, gesellschaftlichen und beruflichen Beziehungen in den letzten Jahren radikal verändert. Trotz meines Alters fühle ich mich ja noch fast als Digital Native, dennoch treffe ich immer wieder auch jüngere Menschen, die Twitter & Co. nicht verstehen.
Twitter ist die Klowand des Internets
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood, die immerhin nochmal rund 25 Jahre älter ist als ich, bemerkt zur Twittersphäre: “Ist das eine Signalsprache wie die Telegrafie? Ist es Zen-Dichtung? Sind es Witze, die an Toilettenwände gekritzelt werden? Ist es ein in den Baum geritztes Herz mit der Botschaft “John liebt Mary”? Sagen wir einfach, es ist Kommunikation, und Kommunikation ist etwas, das Menschen gerne pflegen.” Es sind Zitate wie dieses (Seite 456), die das Buch von James Gleick unterhaltsam machen.
Klar geht es hier nicht alleine um unterschiedliche Perspektiven verschiedener Generationen. Das Buch verdeutlicht immer wieder, wie jede neue Informationstechnologie den Menschen auch Angst machte, von ihnen nicht verstanden wurde oder völlig falsch eingeschätzt wurden. Oft sogar von ihren Erfindern. Elisha Gray sagte 1875 seinem Patentanwalt über die entsprechende Erfindung von Alexander Graham Bell: “Der sprechende Telegraf [d.h. Telefon] ist zwar wissenschaftlich interessant, hat aber gegenwärtig keinerlei kommerziellen Wert, da man mit den bereits bestehenden Methoden wesentlich mehr Geschäft erzielen kann” (Seite 208). Und William Preece, leitender Ingenieur des General Post Office in England sagt gegenüber dem britischen Parlament: “Wir haben mehr als genug Boten, Laufburschen und ähnliche Dinge. […] Ich habe ein Telefon in meinem Büro, aber eher zum Herzeigen. Wenn ich eine Nachricht versenden möchte, verwende ich meinen telegrafischen Klopfer oder schicke einen Laufburschen los.” (ebenda).
Den einen ist das Telefon zu emotional, die anderen finden Telefonnummern unpersönlich.
Alexander Graham Bell sah die Übertragung von Predigten als einen Anwendungsfall seiner Erfindung an. Geschäftsleuten wiederum war das Telefon zur Zeit seiner Einführung vor allem suspekt, da anders als beim Telegrafieren nicht nur Zahlen und Fakten übertragen wurden, sondern auch Emotionen. Anfangs gab es nur Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, dann kamen die ersten manuellen Vermittlungszentralen und als dann Telefonnummern eingeführt wurden, schien das einigen Menschen sehr unpersönlich. Andere bezweifelten, das Menschen sich Nummern mit mehr als fünf Stellen merken könnten.
Die disruptiven Veränderungen des Telefons wurden bereits um 1880 diskutiert: “Das Ergebnis kann nicht weniger als eine neue Ordnung unserer Gesellschaft sein – ein Zustand, in dem jeder Mensch, egal wie abgelegene sein Aufenthaltsort ist, jeden anderen Menschen in der Gesellschaft erreichen kann” schrieb die Zeitschrift Scientific American (Seite 211). Und John J. Carty, Leiter der Bell Laboratories meinte 1908: “Das Telefon hat genauso viel zur Entstehung der Wolkenkratzer beigetragen, wie der Aufzug.” (Seite 212).
So wie heute viele Menschen die neue Kommunikationspraktiken nicht verstehen, sie als Belastung oder gar Bedrohung ihrer Privatsphäre empfinden, so erging es auch den Generationen vor uns mit ihren informationstechnischen Innovationen: “Als die Druckerpressen, die Telegrafie, die Schreibmaschine, das Telefon, das Radio, der Computer und das Internet zu ihrer jeweiligen Zeit prosperierten, sagten die Menschen jedesmal aufs Neue, eine große Last sei der menschlichen Kommunikation aufgebürdet worden: mehr Komplexiät, mehr Bindungslosigkeit und schreckenerregende neue Exzesse.” (Seite 433).
Was ich auch nicht wußte: Als Claude Shannon und Warren Weaver 1949 ihre Aufsätze zur “Mathematical Theory of Communication” veröffentlichten (worüber Gleick ausführlich schreibt), war es im Wissenschaftsbetrieb noch üblich, sich Kopien der Publikationen von Wissenschaftskollegen zu besorgen, in dem man sich jeweils direkt an den Autor wandte. Viele Wissenschaftler hatten hierfür vorgedruckte Postkarten (Seite 243).
Die Ausdehnung und Kollektivierung des menschlichen Bewußtseins
Während Gunter Dueck letztes Jahr den Begriff des “gesellschaftlichen Betriebssystems” eingeführt hat, hat Marshall McLuhan schon 1965 von der Erweiterung unseres zentrales Nervensystem gesprochen: “Heute haben wir unser zentrales Nervensystem in einer globalen Umarmung erweitert und schaffen, so weit unser Planet betroffen ist, Raum und Zeit ab. In rasantem Tempo nähern wir uns der Endphase der Verlängerungen des Menschen – die technologische Simulation des Bewußtseins, wenn der kreative Prozess des Wissens kollektiv und gemeinschaftlich auf die Gesamtheit der Humangesellschaft ausgedehnt wird.” (Marshall McLuhan, Understanding Media: The Extension of Man, McGrawhill, 1965)
Zwei wichtige (für mich systemtheoretisch relevante) Einsichten habe ich durch die Lektüre des Buches aktualisiert:
“Wenn Information billig ist, wird die Aufmerksamkeit teuer.”
“Vergessen zu können ist möglicherweise so wichtig wie die Erinnerung.”
Der erste Satz übrigens, den A.G. Bell ins Telefon gesprochen hatte lautete paradoxerweise: “Mr. Watson, bitte kommen Sie, ich möchte mit Ihnen sprechen.”