In der Softwareentwicklung und im Testen betrachten wir Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung gerne als „grüne“ Maßnahmen: weniger Stromverbrauch, effizienterer Code, sparsame Infrastruktur. Das ist gut, aber nicht alles. Sinnvoller ist es, Nachhaltigkeit als Integrationsaufgabe zu verstehen – auch und gerade im Test: Ökologie, Soziales und Ökonomie werden gemeinsam betrachtet, weil sie sich gegenseitig bedingen. Wenn wir nur eine dieser Dimensionen isoliert „optimieren“, gerät die Produktentwicklung als Ganzes aus dem Lot. Testen kann hier gezielt Informationen liefern, die helfen, die Leistungsfähigkeit aller drei Bereiche zu sichern – und Schäden zu vermeiden, die sich später kaum oder gar nicht mehr zurückdrehen lassen.

Was hat das mit Softwaretesten zu tun?

Testen ist Informationsarbeit. Wir liefern Stakeholdern belastbare Hinweise zur Qualität – und dazu gehört auch, wie ein Softwaresystem sich ökologisch, sozial und ökonomisch auswirkt. In vielen Projekten ist Nachhaltigkeit untergeordnet: Sie taucht (wenn überhaupt) als nachträgliches Kriterium auf, oft rein ökologisch verstanden. Risiken werden betrachtet – gerne Anhand von Qualitätsmerkmalen wie Performance, Sicherheit, Verfügbarkeit –, aber selten aus Nachhaltigkeitsperspektive. Gleichzeitig arbeiten wir in agilen Teams hochgradig kollaborativ, ohne diese Zusammenarbeit ausdrücklich auf Nachhaltigkeit auszurichten.

Ökologie: Lebensgrundlagen respektieren – auch im Rechenzentrum

Die ökologische Dimension betrifft die Belastungsgrenzen der Umwelt. Auf Software übersetzt heißt das: Wie viel Energie verbraucht unser System in Betrieb und Test? Wie viel Datenvolumen erzeugen wir? Wie oft und wie ressourcenintensiv bauen, deployen und betreiben wir Services?

Als Beispiel kann ein Blick auf den Energieverbrauch bei Last- und Performancetests dienen. Vergleicht man zwei Implementierungen desselben Algorithmus unter identischer Last kann es deutliche Unterschiede bei CPU-Auslastung, Speicherbedarf und Laufzeiten geben, die als Proxys für Energiebedarf gesehen werden können. Dies kann Teil einer Entscheidungshilfe werden –es geht nicht nur „schneller“, sondern „schneller bei X Prozent weniger Rechenzeit“.

Wichtig: Ökologische Ziele sind kein „Nice-to-have“, das wir nur bei Zeitüberschuss adressieren. Sie stecken den Rahmen, innerhalb dessen wir Software betreiben. Dies ist in der Diskussion um KI-Rechenzentren aktuell allgegenwärtig. Gleichzeitig gilt aber, dass diese Aspekte sich in der Praxis nur durchsetzen lassen, wenn sie sozial und ökonomisch anschlussfähig gestaltet sind – sonst bleiben sie auf dem Papier.

Soziales: Teilhabe, Sicherheit und Tragfähigkeit für Menschen

Die soziale Dimension rückt Menschen in den Mittelpunkt: Nutzbarkeit, Zugänglichkeit, Fairness, Gesundheit und Sicherheit – für Anwenderinnen und Anwender ebenso wie für Teams. Software, die Menschen ausschließt oder belastet, scheitert oft unabhängig davon, wie effizient sie technisch ist.

Barrierefreiheit fällt ganz konkret mit in diesem Bereich. Wir können Tests hierzu auch als Akzeptanzkriterium aus Nachhaltigkeitsperspektive nutzen

Ökonomie: Wertschöpfung erhalten, ohne die Basis zu verschleißen

Die ökonomische Dimension fragt, ob das System Wert schafft – heute und langfristig. Kurzfristige Teiloptimierungen, die ökologische Kosten auslagern oder soziale Aspekte ignorieren, schlagen später als Betriebsaufwand, Reputationsschaden oder Migrationszwang zurück.

In Projekten optimieren wir häufig auf den Output, um viel Liefern zu können und gehen parallel teilweise hohe technische Schulden ein. Was im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung kontraproduktiv ist. Aus Testsicht kann es sinnvoll sein, zu dokumentieren, welche Schulden heute kleine Pain Points sind, aber morgen teure, schwer reversible Umbauten erzwingen könnten.

Auch das Lösen von reinen „funktioniert vs. funktioniert nicht“-Tests ist hier angebracht, hin zu einer ergänzenden Betrachtung welche Betriebs- und Supportkosten ein Feature realistisch auslöst. Das hilft, Produktentscheidungen gegen ökologisch-soziale Nebenwirkungen zu balancieren.

Warum das Zusammendenken gerade im Test wirkt

Wenn wir unter Testen das Sammeln von Informationen verstehen, um Entscheidungen treffen zu können, so ist es immer besser für die Entscheidung, wenn sie auf integrierten Informationen fusst: Eine ökologische Verbesserung bspw., die die Bedienbarkeit verschlechtert, kippt politisch im Team schnell. Umgekehrt wird ein soziales Upgrade scheitern, wenn Betriebskosten explodieren. Testen liefert die Vergleichsbilder, die solche Zielkonflikte sichtbar und verhandelbar machen.

Wenn wir Ökologie, Soziales und Ökonomie zusammendenken, liefern wir bessere Entscheidungsgrundlagen und erhöhen die Tragfähigkeit unserer Softwaresysteme. Praktisch kann das heißen, dass wir auf einmal Testchartas haben, die sich in den Testmissionen auf einmal Nachhaltigkeitsfragen widmen, Messungen ergänzen, Berichte integrieren und neue Perspektiven für Entscheidungen liefern.

Weiterführende Informationen:

Michelsen, G., & Adomßent, M. (2014). Nachhaltige Entwicklung: Hintergründe und Zusammenhänge. In H. Heinrichs & G. Michelsen (Hrsg.), Nachhaltigkeitswissenschaften (S. 3–59). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg. Deutsche Nachhaltigkeitstrategie