Exploratives Testen ist heute längst nicht mehr das wilde Herumklicken, das man sich darunter früher gerne mal vorgestellt hat. Wir sind über diesen Punkt hoffentlich alle hinaus. Spätestens seit Kurse wie BBST® und die Bücher von Elisabeth Hendrickson bzw. Lisa Crispin und Janet Gregory den Begriff professionalisiert und Konzepte wie Testcharters, Testerrollen und Testmissionen etabliert haben, ist klar: Exploratives Testen ist alles andere als planlos. Es ist eine anspruchsvolle Vorgehensweise, die Struktur, Können und Fokus erfordert.

Was uns dabei allerdings trotzdem auffällt: Wenn es um Werkzeuge im explorativen Kontext geht, klafft eine deutliche Lücke – eine Lücke, die in vielen Teams nach wie vor nicht ernst genommen wird. Während wir längst nicht mehr ohne Tools wie Tosca, Playwright und Co. für unsere automatisierten Tests arbeiten, bleibt der Werkzeugkasten zur Unterstützung des menschlich durchgeführten Testens oft überraschend leer. Wenn überhaupt, nutzen wir Tools wie JIRA, um unsere Testergebnisse irgendwie festzuhalten – und das war’s dann auch schon. Dabei wäre so viel mehr drin.

Denn auch wenn exploratives Testen vor allem durch menschliche Intuition, Neugier und Erfahrung getrieben wird, heißt das nicht, dass wir uns dabei keine Unterstützung holen dürfen – im Gegenteil. Es gibt längst eine Bewegung, die genau das fordert: Werkzeuge nicht als Einschränkung, sondern als Enabler begreifen. Maaret Pyhäjärvi bringt es in ihrem Buch “Contemporary Exploratory Testing” wunderbar auf den Punkt: “Test automation belongs in exploratory testing. You can’t explore with great coverage without automation. You can’t automate without exploring in a relevant way.”

Was heißt das konkret?

Erstens: Automatisierung kann uns ganz konkret im explorativen Testing helfen. Wenn wir bereits durch automatisierte Tests eine gewisse Grundabsicherung haben, können wir die explorativen Sessions tatsächlich auf neue Fragestellungen, ungewöhnliche Pfade und buggy Verhaltensweisen fokussieren – anstatt uns durch zig Login-Screens durchzuklicken.

Zweitens: Exploratives Testen ist die natürliche Vorstufe von Automatisierung. Auch wenn "Automate everything" als Slogan plakativ ist, ist es aus Testsicht weder machbar noch wünschenswert. Wir benötigen eine Antwort auf die Frage "Was sollten wir sinnvollerweise überhaupt automatisieren?" und da kann exploratives Testen eine Antwort liefern.

Auch während der explorativen Session selbst können Tools enorm hilfreich sein. Zwei Beispiele, die wir richtig gut finden:  

  1. Bug Magnet: Ein einfaches, aber geniales Browser-Plugin, das uns strukturiert mit Eingabewerten versorgt, über die man im Alltag gar nicht mehr nachdenkt, die aber erfahrungsgemäß gerne mal etwas kaputt machen – think SQL-Injections, XSS-Versuche, lange Textketten oder Sonderzeichen. Statt diese jedes Mal selbst eintippen zu müssen, haben wir mit einem Rechtsklick direkt eine Auswahl parat. Spart Zeit, erhöht die Testtiefe, senkt die Barriere.
  2. Exploratory Testing: Der Name ist irgendwie Programm: es ist ein leichtgewichtiges, aber äußerst praktisches Tool. Es ermöglicht dir, während einer Testsession ganz einfach Notizen zu machen, Screenshots zu erfassen und Bugs sofort zu dokumentieren – alles ohne separate Tools oder Kontextwechsel. Nettes Feature: Metadaten wie URL, Browser-Version oder Zeitstempel werden gleich mitgeloggt. Ideal für alle, die ihre Exploration direkt im Browser begleiten und strukturiert nachvollziehbar machen wollen.

Und jetzt Hand aufs Herz: Wenn wir ohnehin schon versuchen, durch Testcharters schärfer zu fokussieren, mit klaren Missionen unsere Zeit zu strukturieren und Sessions gezielt auf bestimmte Fragestellungen auszurichten – warum sollten wir dann ausgerechnet bei der Toolunterstützung aufhören?

Das Argument, dass Werkzeuge die kreative Freiheit einschränken, zieht nur bedingt. Gute Werkzeuge bringen keine Dogmen mit, sondern passen sich den typischen Explorationsmustern an. Sie helfen, Dinge zu erfassen, ohne den Flow zu stören. Und letztlich: Sie holen das Optimum aus unseren Erfahrungen und Fähigkeiten raus, weil sie uns entlasten und Freiraum für das Wesentliche geben – echtes Verstehen.

Wir sind überzeugt: Die Rolle von Werkzeugen, gerade im explorativen Testen, wird heute noch unterschätzt. Dabei ist nichts Falsches daran, sich bei einer manuellen Aktivität von einem Tool helfen zu lassen. Im Gegenteil – je komplexer unsere Systeme, desto mehr brauchen wir diese Unterstützung, um nicht am Offensichtlichen zu bleiben.

Also: nächstes Mal, wenn ihr an eine explorative Testsession geht – nehmt nicht nur euren Kopf und euren Spürsinn mit, sondern auch ein, zwei kleine Helferlein. Ihr werdet euch wundern, wie viel weiter ihr damit kommt.

Exploration ist kein Selbstzweck. Es geht darum, Dinge zu entdecken, die uns sonst durch die Lappen gehen – strukturiert, gezielt und unterstützt durch clevere Tools. Zeit, dass wir das anerkennen. Und Spoiler am Ende: Wir arbeiten auch an einem Tool, seid gespannt!